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#Gemeinsam Gemeinwohl

Quartier-Gemeinwohl sichtbar machen

Ein intensives und erkenntnisreiches Treffen unseres Netzwerks liegt hinter uns. In der Januar-Ausgabe von „Gemeinwohl verstehen – Perspektiven & Praxis für Stadt und Land“ stand der Quartier-Gemeinwohl-Index (QGI) des Hansaforums im Mittelpunkt – als Instrument, Prozess und politisches Argument zugleich.

Bildnachweis: creative commons: Hansa Forum

Schon im Check-in wurde deutlich: Gemeinwohl im Quartier ist kein abstraktes Leitbild, sondern eng mit Alltag, Nutzungskonflikten, Beteiligung und konkreten Orten verbunden. Genau hier setzt der QGI an – am Quartier als menschlichem Maßstab, an dem Gemeinwohl erlebt, verhandelt und gestaltet wird.

Leonie Nienhaus (Hansaforum) stellte den Entstehungsprozess des Index vor: Im Rahmen des Hansa-Konvents wurden rund 200 zufällig ausgewählte Menschen aus dem Viertel eingeladen, gemeinsam der Frage nachzugehen, welche Aspekte das gute Zusammenleben im Quartier ausmachen. Aus diesem bewusst offenen, fairen Beteiligungsprozess entstanden 16 Themenfelder mit zugehörigen Visionen, die heute einen lebendigen Gemeinwohl-Index bilden – ausdrücklich nicht konfliktfrei, sondern realitätsnah und entwicklungsfähig entlang der sich verändernden Lebenswirklichkeit im Quartier.

Was uns aus der Diskussion besonders beschäftigt und inspiriert hat:

  • Gemeinwohl im Quartier ist kontrovers. Nutzungskonflikte wie Lärm vs. Ruhe, öffentlicher Raum oder unterschiedliche Bedürfnisse gehören dazu – der Index macht diese Spannungen sichtbar, statt sie zu glätten.

  • Menschen im Quartier sind die besten Expert*innen ihrer Lebenswirklichkeit. Die Zufallsauswahl kombiniert mit einer aufsuchenden Beteiligung vor der eigenen Haustür wurde als wirksames Instrument erlebt, um vielfältige Perspektiven einzubeziehen und Gemeinwohl nicht nur den Lautesten zu überlassen.

  • Qualitative Indikatoren können Wirkung entfalten. Auch ohne statistische Messzahlen unterstützen sie Reflexion, Lernen und Selbstwirksamkeit – sowohl auf Projektebene als auch persönlich.

  • Gemeinwohl braucht neue Bewertungsmaßstäbe. In der Diskussion wurde deutlich, wie wichtig es ist, soziale, kulturelle und demokratische „Renditen“ gegenüber rein monetären Verwertungslogiken sichtbar zu machen.

Kommunen stehen vor zentralen Fragen: 

  • Wie viele öffentliche Mittel setzen wir ein, um Räume aus dem Verwertungszyklus zu nehmen?

  • Welche Argumente braucht es für renditefreie Orte, gemeinwohlorientierte Leerstandsstrategien und langfristige Sicherung?

  • Welche Rolle können Commons-Public-Partnerships, Trialoge zwischen Verwaltung, Politik und Quartier sowie Mikrofinanzierung spielen?

Der Quartier-Gemeinwohl-Index wurde in Münster nicht als fertige Lösung verstanden, sondern als Entscheidungsgrundlage von Viertelprojekten, Orientierungs- und Lerninstrument, das zu einem Barometer weiterentwickelt wurde, das Visionen und Ist-Zustand miteinander verbindet.

Vielen Dank an Leonie Nienhaus und an alle Teilnehmenden für die klugen Fragen, Erfahrungen und offenen Debatten. Der Austausch hat erneut gezeigt: Gemeinwohl entsteht im Tun, im Aushandeln und im gemeinsamen Lernen.

Ausblick: Im Februar setzen wir die Reihe fort und richten den Blick auf ein weiteres zentrales Instrument gemeinwohlorientierter Stadtentwicklung:
„Gemeinwohlorientierung durch Konzeptvergabe?“
Am Beispiel der Stadtentwicklungsprojekte Kleineschholz und Dietenbach (Freiburg) diskutieren wir gemeinsam mit Dr. Ben Schmidt (Universität Freiburg) welche Potenziale und Grenzen Konzeptvergaben für Gemeinwohl entfalten können.